Hanau und Steinau nun ganz offizielle Brüder-Grimm-Städte

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Hanau - Nach langem Hin- und Hergezerre gaben die Bürokraten in Wiesbaden nach. Die beiden Städte Hanau und Steinau dürfen sich nun ganz offiziell Brüder-Grimm-Stadt nennen. Erst nach einer gekonnten 180 Grad Wende im Innenministerium, wo man plötzlich den touristischen Wert der Brüder Gimm für das ganze Land Hessen entdeckte, war der Weg frei. Nun konnten wir bei schönstem Maiwetter die Enthüllung der neuen Ortsschilder für Hanau und Steinau erleben.  Bleibt zu hoffen, dass die Diskussionen um das Werk der Brüder Grimm nicht immer grimmiger werden. Ich durfte persönlich im letzten Herbst erleben, wie das Grimm'sche Werk plötzlich nicht mehr den Menschen frei zur Verfügung stand. Bei einem Besuch im "Märchenhaus" des deutschen Volkes in Steinau durfte ich, obwohl ich mich als Journalist zu erkennen gab, nicht fotografieren. Eine schriftliche "Dienstanweisung" von Museumsdirektor Lauer verbot dies. Eine E-Mail von mir an das Brüder-Grimm-Museum in Kassel, in der ich um Aufklärung und Erlaubnis bat, ist bis heute ohne Antwort.
Wenn Sie, lieber Leser, einmal einen unterhaltsamen Abend im Internet verbringen möchten, dann lesen Sie die Diskussionsbeiträge zu dem Kasseler Grimm-Streit:
http://www.zide.net/grimmforum/
http://forum.hna.de/forum/viewtopic.php?id=800

Nun lassen wir unseren OB Claus Kaminsky zu Wort kommen: „Es war einmal...", mit diesen Worten, wir wissen es alle, beginnen die berühmten Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm.

„Es war einmal..." mit diesen drei Worten könnte man auch die Geschichte beginnen lassen, die uns heute hier auf dem Neustädter Marktplatz zusammengeführt hat - hier zu Füßen des Nationaldenkmals von Jacob und Wilhelm Grimm, der wohl berühmtesten Söhne unserer Stadt: Seien Sie alle recht herzlich willkommen zur Enthüllung des ersten offiziellen Ortsschildes mit dem Aufdruck „Brüder-Grimm-Stadt Hanau".

Glücklicherweise gehen Erzählungen, wie die meisten Begebenheiten im richtigen Leben, gut aus. So feiern wir auch heute ein Happy-End wie im Märchen - so der richtige juristische Titel - im Märchen vom „Antrag auf Verleihung der Zusatzbezeichnung nach § 13 Abs. II Hessische Gemeindeordnung (HGO) für die Stadt Hanau beim Hessischen Ministerium des Inneren und für Sport", das sich von Juni 2005 bis Mai 2006 zutrug.

Nach gut einem Jahr Hin und Her zwischen Hanau und Wiesbaden, Sie haben es alle in den Medien verfolgt, haben wir zusammen erreicht, was viele Auswärtige für nicht mehr möglich gehalten haben.

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Aloys Lenz (MdL), Rolf Frodl (Stadtrat), Jürgen Scheuermann (Stadtverordnetenvorsteher), Ulrich Müller (Stadtrat), Walter Strauch (Bürgermeister Steinau)

Wir alle zusammen haben uns von Erlassen der Landesherrschaft nicht entmutigen lassen und hakten entschlossen nach. Und siehe da: Die Hartnäckigkeit der Hanauer, bereits im 19. Jahrhundert als Mainfranzosen bezeichnet, zahlte sich mal wieder aus.

Somit ist der heutige Tag, an dem wir sogleich das erste neue gelbe Straßenschild enthüllen können, ein glücklicher Tag, ein froher Tag für unsere Stadt und ihre Bürgerinnen und Bürger. Ab heute dürfen wir der ganzen Welt nicht mehr nur „nichtamtlich", sondern ganz offiziell verkünden, im Internet und bald auch auf städtischen Briefköpfen: Hanau ist Brüder-Grimm-Stadt!

Viele haben dabei geholfen, dieses Ziel zu erreichen. Ich darf deshalb all denjenigen herzlich danken, die sich konstruktiv bei Politik und Ministerialbürokratie in Wiesbaden für den Erfolg einsetzten. Ich grüße somit alle Mitstreiterinnen und Mitstreiter für die gute Sache:

Die ehemaligen und neuen Kolleginnen und Kollegen des Magistrats unserer Stadt, die am 13. Juni 2005 (!) einstimmig beschlossen, sich meiner Anregung auf Beantragung der Zusatzbezeichnung anzuschließen. Am 18. Juli 2005 fassten die Mitglieder aller (!) Fraktionen der Stadtverordnetenversammlung einstimmig (!) den Beschluss, die Verleihung in Wiesbaden voranzutreiben. Stellvertretend für die Hanauer Parlamentarier, darf ich den alten und den neuen Stadtverordnetenvorsteher Herrn Wolfgang Walther und Herrn Jürgen Scheuermann dafür danken. In einem mehrseitigen Schreiben legten wir dar, dass Hanau das herausragende Lebenswerk der Grimms, der großen Professoren, Sprachwissenschaftler, Märchensammler, Demokraten und Freiheitskämpfer seit Jahren würdigen.

  • Jacob, Wilhelm und ihr Malerbruder Ludwig Emil Grimm wurden hier in Hanau 1785, 1786 bzw. 1790 geboren,
  • hier steht seit 1896 ihr Nationaldenkmal,
  • hier beginnt die Deutsche Märchenstraße, die bis nach Bremen führt,
  • hier finden seit 1985 die Brüder Grimm-Märchenfestspiele statt (dieses Jahr können wir den 1-Millionsten Besucher erwarten),
  • hier verleihen wir seit 1983 den renommierten Brüder-Grimm-Preis für Literatur,
  • wir haben bedeutende und authentische Grimm-Sammlungsbestände im historischen Museum Hanau und der Stadtbibliothek.
  • auch kommen bei uns die lukullischen Genüsse mit Brüder Grimm-Sekt und Brüder Grimm-Torte vom Cafe Schien nicht zu kurz.
  • Vieles andere wäre zu ergänzen.

Diesem Antrag folgte ein sage und schreibe neunmonatiger Schriftwechsel, der seitens der Landesverwaltung u. a. in der Beauftragung des Hessischen Staatsarchivs gipfelte, um festzustellen, ob die Brüder tatsächlich in Hanau geboren seien.

Staatsminister Bouffier kam am 2. November 2005 noch zum Ergebnis, dass uns, Zitat, das „spezielle, einzigartige Charakteristikum für solch einen Namenszusatz fehle." - obwohl die Grimms ja in Hanau geboren sind, was man ja nur einmal im Leben hinbekommt, was also einzigartig ist. Diese Einschätzung konnte natürlich nicht unwidersprochen bleiben.

Aloys Lenz MdL
Aloys Lenz kämfte an vorderster Stelle gegen den Wiesbadener Papiertiger

Danke darf ich deshalb insbesondere denjenigen Bürgerinnen und Bürgern sowie Medien und Fernsehstationen sagen/die durch ihr Engagement die Richtigkeit und Wichtigkeit des Hanauer Anliegens erkannten und sich in den Dienst der guten Sache stellten. Stellvertretend seien die Vertreterinnen und Vertreter des Brüder-Grimm-Vereins, des Fördervereins der Brüder-Grimm-Märchenfestspiele, des Hanauer Geschichtsvereins, der Hanauer Märtesweinvereinigung, der politischen Parteien und auch der örtliche Landtagsabgeordnete und Parteifreund von Minister Bouffier, Aloys Lenz, erwähnt und herzlich begrüßt.

Das Ministerium schwenkte ob dieser geballten Meinungen („Wir sind es aber doch!") letztendlich um 180 Grad und verwies auf eine neue Konzeption des Wissenschaftsministeriums, das Land Hessen als Land der Grimms neu zu entdecken und Hanau dabei eine noch wichtigere Rolle zukommen zu lassen.

Auch Minister Bouffier schließe ich in meinen Dank ausdrücklich ein. Er bekannte sich persönlich zur Revision seiner Entscheidung und teilte uns im Frühjahr mit „herzlichem Gruß" mit, dass Hanau als Geburtsstadt der Brüder Grimm nunmehr offiziell „Brüder- Grimm-Stadt" sein darf, ebenso wie Steinau an der Straße, die Jugendstadt der Brüder. Ein herzliches Willkommen deshalb auch an unseren Zwilling Steinau, an Bürgermeister Strauch, der sich wie uns über den Titel freuen kann.

Dass wir uns in Hanau dem Prädikat verpflichtet zeigen, beweist das Engagement für ein Brüder Grimm-Kulturzentrum, für das sich Politik und Bürgerschaft im vergangenen Jahr grundsätzlich positiv aussprachen.
Die neu gewählte Stadtverordnetenversammlung hat nun die Aufgabe, nach dem grundsätzlichen „Ob" das „Wie" und das „Wo" eines solchen Kulturzentrums in Hanau zu entscheiden und auf den Weg zu bringen. Ich gehe davon aus, dass wir noch vor dieser Sommerpause eine Grundsatzentscheidung treffen können, in welche Richtung wir solch ein „Masterprojekt" für Hanau und damit die touristische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Zukunft unserer Stadt nachhaltig weiter entwickeln wollen.

Verena Wüstkamp und Olivia Maria Bauer
Die Schauspieler der Märchenfestspiele zeigten einen kleinen Ausschnitt aus der Aufführung "Rapunzel". Hier Verena Wüstkamp und Olivia Maria Bauer in einer Szene als Zauberin und Rapunzel.

Es sollte natürlich das kulturelle, wissenschaftliche, literarische, politische, gesellschaftliche und künstlerische Erbe der Grimms herausstellen, vor allem aber auch ein Kristallisationspunkt für bürgerschaftliches Engagement in Hanau bilden. Ausdrücklich bekenne ich mich in diesem Zusammenhang für eine verstärkte Zusammenarbeit der hessischen Grimm-Städte Hanau, Steinau an der Straße, Marburg und Kassel, darüber hinaus etwa mit Göttingen und Berlin.

Kurzum: Was lange währt, wird endlich gut. In diesem Sinne darf ich Sie nun alle bei diesem herrlichen Frühlingswetter herzlich einladen, kräftig zu feiern - zu Ehren der Brüder Jacob, Wilhelm und Ludwig Emil Grimm, aber auch zum Erfolg der Hanauerinnen und Hanauer über den heiligen Sankt Bürokratius, der an einigen Orten leider immer noch ausgiebig regiert.

(Text nach Manuskript, weicht von der tatsächlich gehaltenen etwas Rede ab)

 
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